Kennst du das Gefühl, einen geliebten Menschen zu verabschieden? Das Gefühl, das Bahnhöfe mit sich bringen, geschäftige Menschen, einfahrende Züge, Vorfreude, aber auch Melancholie. Die Gewissheit etwas, jemanden, einen Lebensabschnitt – wenn auch nur für gewisse Zeit – hinter sich zu lassen. Jeder der in einer Fernbeziehung ist, weiß wovon ich spreche. Man verbringt eine Zeit mit einem geliebten Menschen und bringt diese Person dann zum Bahnhof, zum Flughafen oder einfach nur zum Auto, da ist auf einmal dieser Schmerz, dieses Gefühl das uns genau eins verrät: du kannst die Zeit nicht aufhalten.
Kennst du das Gefühl, zu wissen, dass du nur eine Woche hast. Eine Woche Urlaub, eine Woche Ferien, eine Woche die du noch mit deiner Familie verbringst bevor du wegziehst oder aus welchen Gründen auch immer ein begrenztes Maß an Zeit. Du kannst tun was du willst, die Zeit vergeht einfach immer weiter. Du versuchst sie aufzuhalten, sie festzuhalten, den Moment festzuhalten. Doch du bist machtlos.
Was ist das wertvollste, was wir auf dieser Welt haben? Ist es Geld? Nein. Mit Geld kann man alles kaufen, ein geiles Auto, ein wunderschönes Haus am Strand, einen Pool man kann sich sogar die Aufmerksamkeit oder die Zuneigung von Menschen erkaufen… nur eines kann man nicht kaufen: Zeit. Sie vergeht einfach immer weiter.
Seit ich denken kann, suche ich nach einer Möglichkeit um meine Zeit erstens sinnvoller zu nutzen und zweitens Momente festzuhalten. Wenn ich die Zeit schon nicht aufhalten kann, so klammere ich mich an Erinnerungen. Immer wieder spiele ich in meinem Kopf Dialoge mit Menschen ab, die ich nie vergessen möchte. Immer wieder schließe ich die Augen und erinnere mich an Erlebnisse aus meiner Kindheit, Tage aus dem Kindergarten, die Einschulung, die Grundschule, Freunde die ich hatte, Verwandte zu denen ich keinen Kontakt mehr habe oder die verstorben sind. Ich versuche mich an ihre Stimmen zu erinnern, ich gehe im Kopf durch Wohnungen und Häuser die ich nie wieder betreten habe ich versuche alles um die Erinnerungen nicht zu verlieren, denn ich habe wahnsinnige Angst davor zu vergessen.
Wart ihr schon einmal nach langer Zeit wieder an Orten, an denen ihr als Kind oft gewesen seid? Kennt ihr dieses mulmige Gefühl wenn man alles wiedererkennt aber doch alles anders ist.Wenn man einen Ort betritt, den man noch vor 10 Jahren jeden Tag besucht hat, wenn man umher läuft und sich wie ein Fremder fühlt, dort wo man früher sein zweites Zuhause hatte und wenn doch alles auf einmal anders ist.
Habt ihr schon mal euren Namen in einen Baum im Wald geschnitzt und seid ein paar Jahre später wiedergekommen und musstet feststellen, dass euer Name verblasst ist, dass man ihn kaum noch erkennen kann, dass die Schrift durch Wind und Wetter ausgefranzt ist und man es nur noch erahnen kann. Das Statement “Hier war ich”. Da ist es wieder, das Gefühl die Zeit eben nicht anhalten zu können. Die Angst vor der Ungewissheit, nicht zu wissen was in den nächsten Jahren passiert, nicht einmal zu wissen was morgen oder in einer Stunde passieren würde. Angst die man sonst verdrängt, ist plötzlich so wahnsinnig präsent.
Jeder Sonnenuntergang, den ich in meinem Leben sehe ist wunderschön. Doch er bringt auch etwas wahnsinnig schmerzhaftes mit sich, er verabschiedet den Tag. Die Nacht bricht ein. Ich habe keine Angst in der Dunkelheit, ich glaube nicht an Vampire oder Werwölfe und generell fürchte ich mich auch nicht davor dass nachts ein Axtmörder des Weges kommt und mich grundlos abschlachtet, aber die Nacht bedeutet einfach dass der Tag zu Ende ist. Sie ist ein brutaler Einschnitt in unser Leben, denn sie zeigt auf, dass die Zeit immer weiter vergeht und das tut weh.
(via @ http://www.le-chaim.de/ )

